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Katrin Mohr

Linke Industriepolitik als Kompass und Weg für die sozial-ökologische Transformation

Eingangspodium “Ökosozialismus oder was? Wo wollen wir hin mit der Transformation?”

1. Sozial-ökologische Transformation ist notwendig und möglich

Wir sind uns in der Linken – und auch in diesem Grundsatzprogrammprozess – in einem entscheidenden Punkt einig: Der Klimawandel lässt sich nur aufhalten, wenn wir Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend verändern. Die zentralen Sektoren Energie, Industrie und Verkehr müssen konsequent dekarbonisiert werden, und zwar planvoll, durch einen aktiven Staat, der Transformation gestaltet, statt sie dem Markt zu überlassen. Und das alles muss sehr schnell gehen, weil wir ohne rasche und tiefgreifende Veränderungen auf ein 3- bis 4-Grad-Szenario zusteuern, in dem Kipppunkte erreicht werden, Regionen unbewohnbar werden und die sozialen wie ökonomischen Folgen auch Europa massiv treffen werden.

In der aktuellen Krisenstimmung geht unter, dass wir in Deutschland bereits erhebliche Fortschritte beim Klimaschutz gemacht haben. Seit 1990 wurden die Treibhausgasemissionen um 48,2 % reduziert (vgl. Umweltbundesamt 2024) – und das bei langfristig deutlich wachsender Wirtschaftsleistung. Die internationale Forschung ordnet Deutschland eindeutig unter jene Länder ein, die bereits eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgas-Emissionen erreicht haben. 

Klar: Es gibt weiterhin eine Lücke zwischen THG-Emissionen und Klimazielen und manche Sektoren verfehlen die Ziele. Aber: Die Klimaziele für 2030 sind noch erreichbar, wenn wir konsequent weiter umsteuern.

Auch die jüngsten technologischen Trends zeigen, dass der strukturelle Umbau längst begonnen hat – und zwar schneller, als es viele Debatten suggerieren: +60 % mehr E-Auto-Zulassungen im Jahr 2025, nahezu jede zweite neu installierte Heizung eine Wärmepumpe. Das sind keine Randnotizen, sondern Indikatoren dafür, dass die Richtung stimmt, selbst wenn die politische Nervenlage im Land eine andere Geschichte erzählt.

Und auch global zeichnet sich ein deutlich differenzierteres Bild ab, als vielfach behauptet: 92 % der weltweiten Wirtschaftsleistung befinden sich heute in relativer oder absoluter Entkopplung von CO2-Emissionen (vgl. ECIU 2025). 43 Länder haben eine absolute Entkopplung, 40 eine relative Entkopplung erreicht – ein markanter Fortschritt gegenüber dem Jahrzehnt vor dem Pariser Abkommen.

Diese Befunde bedeuten nicht, dass bereits genug getan wäre und der Rest ein Selbstläufer wird – aber dass es vorschnell ist, pauschal vom Scheitern des „grünen Kapitalismus“ zu sprechen oder Degrowth als einzige Option auszurufen. Sie zeigen, dass die ökologische Transformation funktionieren kann, signifikante Schritte dorthin auch innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems möglich sind – und dass sie dort am erfolgreichsten ist, wo sie politisch gestaltet und sozial abgesichert wird. 

2. Realität 2026: Blockierte Transformation und ungewolltes Degrowth by disaster

Aktuell erleben wir in Deutschland jedoch eine blockierte Transformation: eine Rückabwicklung bei der Wärmewende und beim Verbrenner-Aus, sinkende Akzeptanz für Klimaschutzpolitik, steigende Umfragewerte für eine CDU, die sich wieder als Fossil-Partei präsentiert, und massiven Zulauf für eine AfD, die nicht nur den menschengemachten Klimawandel leugnet, sondern Verunsicherung und Krisenängste gezielt instrumentalisiert.

Und während manche Degrowth als linke Lösung präsentieren wollen, befinden wir uns längst in etwas, das als warnendes Szenario verstanden werden muss: ein ungewolltes Degrowth – by disaster. Seit 2024 sind rund 150.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen, die deutsche Wirtschaft war 2025 im dritten Rezessionsjahr, die Arbeitslosigkeit ist wieder über 3 Millionen, und die Unsicherheit wächst.

Es ist genau diese Art von unkontrollierter Schrumpfung, die soziale Konflikte erzeugt, die politische Stabilität gefährdet und die Akzeptanz für ökologische Maßnahmen schwächt. Unsere sozialen Sicherungssysteme hängen am Wachstum; sie lassen sich nicht von heute auf morgen davon abkoppeln. Jede bewusst herbeigeführte Schrumpfung würde unweigerlich viele Verlierer*innen hervorbringen – und zwar zuerst in der arbeitenden Klasse.

Und auch dem globalen Süden würde Degrowth im globalen Norden nicht helfen, sondern eher schaden. Der globale Süden braucht Aufbau, nicht unseren Rückzug: Investitionen, faire Handelsbeziehungen, Technologietransfer und Infrastrukturaufbau – Industrialisierung und Entwicklung mit klimafreundlichen Technologien.

Viele Studien[1] zeigen: Unsicherheit ist der Nährboden des Rechtspopulismus.

Die politischen Folgen haben wir bei den jüngsten Landtagswahlen wieder gesehen: In Baden-Württemberg stimmten zuletzt 37 % der Arbeiter*innen für die AfD – doppelt so viele wie insgesamt. In Rheinland-Pfalz waren es sogar 39%. Sorgen um die Wirtschaft, steigende Preise und ein Absinken des Lebensstandards waren zentrale Wahlmotive. 

Wenn wir die arbeitende Klasse nicht verlieren wollen, brauchen wir deshalb dringend Sicherheit im Wandel – eine Transformation by design, nicht by disaster.

3. Was wir stattdessen brauchen: eine linke, durchsetzbare Industrie- und Transformationsstrategie

Damit Emissionen sinken, müssen Volkswirtschaften nicht kleiner werden, sondern vor allem anders: erneuerbar, effizient, zirkulär und technologisch modernisiert. Wir brauchen keine Schrumpfung, sondern einen Umbau, der sozial, ökologisch und industriell trägt.

Wir brauchen weiterhin eine starke Industrie:

  • Denn wir brauchen Grundstoffe wie grünen Stahl und industriell gefertigte nachhaltige Produkte wie Windräder, Schienenfahrzeuge, E-Busse und E-Autos etc. Diese können und wollen wir hier produzieren – klimaneutral und mit guter Arbeit.
    • Die Industrie bietet gut bezahlte, tariflich abgesicherte Arbeitsplätze für Millionen Menschen in diesem Land, an denen auch viele Jobs in anderen Branchen hängen – und ist das Rückgrat starker Gewerkschaften.
    • Eine moderne Volkswirtschaft braucht industrielle Wertschöpfung, um Sozialstaat, Bildung und Gesundheit zu finanzieren. Wir können uns nicht nur gegenseitig erziehen, pflegen und die Haare schneiden.

Und um eine klimafreundliche Industrie zu schaffen, braucht es eine nachhaltige Industriepolitik: 

Ein aktiver Staat muss Leitmärkte für grüne Technologien schaffen, massiv in Netze, Speicher, Schiene, Wasserstoff, Windkraft und E-Mobilität investieren sowie Forschung, Innovation und Qualifizierung strategisch fördern.

Öffentliche Förderung muss an Bedingungen gekoppelt sein: Tariftreue, Beschäftigungssicherung, CO2-Reduktion.

Um die Akzeptanz für die ökologische Transformation nicht zu verlieren, muss sie mit den Beschäftigten – nicht gegen sie – gemacht werden: Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen müssen beteiligt, die Mitbestimmung gestärkt werden, lokale Stakeholder in regionale Transformationsräte einbezogen werden.

Soziale Gestaltung bedeutet außerdem Sicherheit im Wandel zu gewährleisten, indem alternative Beschäftigungsmöglichkeiten in Zukunftsfeldern geschaffen und Übergänge flankiert und verlässlich abgesichert werden, durch 

  • Qualifizierung
    • Förderung von Übergängen in andere Jobs (am besten im selben Betrieb, sonst möglichst selbe Branche/selbe Region)
    • Bessere Unterstützung bei Arbeitslosigkeit z.B. durch längeres Arbeitslosengeld
    • Flexible Übergänge in die Rente

4. Programmatische Konsequenzen: Ökosozialismus als Kompass – aber ein Kompass ersetzt keinen Weg

Manches davon kommt einigen eventuell bekannt vor, weil sie die Forderungen aus dem IG Metall-Kontext kennen oder die bedenkenswerten Überlegungen der Bundestagsfraktion für eine linke Industriepolitik, die teilweise in eine ähnliche Richtung, in manchen Punkten aber auch weiter gehen, etwa in Hinblick auf Wirtschaftsdemokratie und Vergesellschaftung.

Das ist ja auch völlig legitim. Denn wir sind eine sozialistische Partei und können daher gerne einen Öko-Sozialismus fordern und ins Grundsatzprogramm schreiben.

Aber wir müssen uns auch fragen: Wo sind die Mehrheiten und Durchsetzungsperspektiven dafür? Ich sehe sie aktuell nicht. 

Und wir können mit Klimaschutz und nachhaltiger Industriepolitik nicht warten, bis wir die Weltrevolution gemacht haben.

Degrowth und Ökosozialismus liefern in der Auseinandersetzung um die sozial-ökologische Transformation wichtige kritische Impulse, sind aber derzeit eher theoretische Debatten, die uns zwar helfen können, unseren Kompass auszurichten. Aber: Ein Kompass ersetzt keinen Weg.

Um den gehen zu können, brauchen wir jetzt konkrete Transformationsprojekte, die:

•     schnelle Fortschritte beim Klimaschutz bringen,

•     gesellschaftliche Mehrheiten finden,

•     ein gutes, nachhaltiges Leben für alle vorstellbar machen,

•     und real durchsetzbar sind. Und für die es sich daher glaubwürdig lohnt zu kämpfen.

Für die Programmdebatte wünsche ich mir deshalb, dass wir nicht nur die Kompassnadel klar ausrichten – sondern auch über gangbare Wege sprechen, die wir jetzt einschlagen können.