Redebeitrag Auftaktveranstaltung sozialökologische Transformation
Liebe Genossinnen und Genossen,
„die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“, schrieb Karl Marx. Marx war ein kritischer Beobachter der Unfähigkeit des Kapitalismus, dem landwirtschaftlich genutzten Boden durch die Verstädterung seine Ressourcen wieder zurückzugeben, und sprach von einem „Riss im Stoffwechsel“. In seiner Kritik des Gothaer Programms kritisierte Marx die Sozialisten, weil sie der Arbeit eine „übernatürliche Schöpfungsmacht“ zuschrieben, indem sie diese als einzige Quelle des Reichtums betrachteten – und dabei die Natur als Quelle des Reichtums ausklammerten. Der Produktivismus prägte die Denkweise von Generationen von Sozialisten.
Jede Produktions- und Lebensweise findet in den Kreisläufen natürlicher Reproduktion ihre stoffliche Grenze. Die ökologischen Kreisläufe stellen die Grundlage sozialer und ökologischer Strukturen dar. Im Unterschied zu den Zeiten von Marx und Engels überschreitet der Kapitalismus die stofflichen Grenzen nicht mehr lokal oder regional, sondern im planetarischen Maßstab. Aktuellen Studien zufolge sind von neun planetaren Grenzen sechs erreicht. (Neben der Erderwärmung sind dies das Artensterben, die Landnutzung, die Störung biogeochemischer Kreisläufe, der Süßwasserverbrauch und die Einbringung neuartiger Substanzen in Boden und Atmosphäre.) Der Stoffwechsel der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise zerstört die Existenzbedingungen von uns allen und gefährdet damit das Überleben von Milliarden Menschen. Der Kollaps von Ökosystemen gefährdet z.B. durch steigende Lebensmittelpreise, Ressourcenkämpfe und Überhitzung der Städte das materielle Überleben besonders der unteren Klassen. Klimagerechtigkeit ist kein grünes Mittelschichtsthema, sondern eine Klassenfrage. Die heutige vorherrschende Produktionsweise beruht auf dem Prinzip, dass anfallende Kosten systematisch nach außen, in den globalen Süden, an die ärmeren Menschen oder in die Zukunft verlagert werden. Der Kapitalismus kann mit seinem eingebauten Wachstumszwang die ökologischen Krisen nicht lösen. Ökosozialismus oder ein sozialistisches Projekt müssen deshalb für eine Begrenzung des Stoffwechsels sorgen. In Produktions- und Konsumprozessen darf nicht mehr verbraucht werden, als nachwächst oder recycelt werden kann.
Regionale Kreislaufwirtschaften müssen die globalen Wertschöpfungsketten mit ihren energieintensiven Transportwegen weitgehend ersetzen. Statt einer kurzfristigen Orientierung auf wachsende Konsum- und Industriegütermengen, brauchen wir eine Ökonomie, die auf der Nutzung langlebiger und reparaturfreundlicher Güter, auf nachhaltiger Mobilität und ressourcensparenden Wohn- und Lebensverhältnissen beruht.
Ein ökologisches Zukunftsprojekt braucht einen schnellen Übergang zu einer emissionsfreien Wirtschaft, einem weniger energieintensiven Modus des Wirtschaftens auf der Grundlage erneuerbarer, solarer Energien, wie einer nachhaltigen, die Böden schützenden Landwirtschaft. Der zügige Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter ist ohne Alternative.
Linke Industriepolitik hat zum Ziel, die Produktionsprozesse emissionsfrei zu gestalten. Sie beruht auf dem Prinzip regionaler Kreislaufwirtschaften und schafft ökologisch nachhaltige Mobilitäts- und Transportsysteme. Eine solche grundlegende Transformation wird aber nur gelingen, wenn gleichzeitig die soziale Sicherheit und Teilhabe der Beschäftigten garantiert wird.
Die wichtigste Herausforderung der Gegenwart besteht darin, der Weltbevölkerung ein gutes Leben zu ermöglichen, das gleichzeitig mit den Reproduktionskreisläufen der Natur in Einklang gebracht werden muss. Ein solches Transformationsprojekt muss auf radikale Weise internationalistisch sein. Wenn Ressourcen knapper werden, muss ihre Verwendung global geplant und gleichberechtigt organisiert werden. Die extraktive Ausplünderung von Rohstoffen muss durch eine umfassende Dekolonialisierung der Handels- und Tauschbeziehungen aufgehoben werden. Techniktransfer kann ein Beitrag sein, um Ländern des globalen Südens zu ermöglichen, den fossilen Kapitalismus zu „überspringen“.
Sozialismus, wie wir ihn verstehen, soll kein Verzichts- oder Armutssozialismus sein, beruht jedoch auf einem neuen Verständnis von gutem Leben: einem anderen Wohlstandsbegriff, der nicht von größtmöglichem Konsum, sondern von guter materieller Grundversorgung, umfassenden sozialen Infrastrukturen und einer deutlichen Verkürzung der Lebens- und Wochenarbeitszeit ausgeht und uns allen die Kontrolle über unser Leben zurückgibt. Der Ausbau der sozialen und öffentlichen Infrastruktur ist eine wichtige Brücke für dieses Verständnis. Im Kern unserer Vorstellung von Sozialismus und wie wir dahin kommen, steht also nicht einfach eine gerechtere Verteilung von Geld und Marktzugang, sondern ein Zurückdrängen der Markt- und geldvermittelten Bereiche unserer Gesellschaft: Was für alle da ist, soll allen gehören, von allen gestaltet werden und nach Bedürfnissen, nicht nach Profit organisiert werden. Diese Infrastrukturen der öffentlichen Grundversorgung sind auch besser als der Privatsektor mit dem Konzept regionaler Kreislaufökonomien zu vereinbaren.
Ein Umbau von Ökonomie und Gesellschaft mit dem Ziel, die menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen und die ökologischen Grenzen nicht zu überschreiten, kann nur geplant vonstattengehen. Unser Verständnis von Planung unterscheidet sich von der „realsozialistischen Planwirtschaft“, die von Bürokratismus und nicht gerade von kollektiver Selbstbestimmung gezeichnet war (und auch von den historischen Begrenzungen, die heute überwunden sind oder sein können). Planung ist für uns ein demokratischer Prozess, bei dem sich Gruppen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, also Gewerkschaften, Umweltverbände, Anwohner*innen, Konsument*innen, etc. über die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen – kommunal, regional, national – verständigen.
Wirtschaftliche Demokratie, in früheren Programmen der Linken z.B. durch Wirtschafts‑, Sozial‑ oder Transformationsräte vorgesehen – ist eng verbunden mit der Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Sozialismus ist eine demokratische Gemeinwirtschaft, in der unterschiedliche – kollektive, aber auch individuelle – Eigentums- und Nutzungsformen koexistieren. Kommunale Betriebe, öffentlich-rechtliche Anstalten und Genossenschaften, staatliche Unternehmen, aber auch selbstverwaltete Allmende-Systeme. Vergesellschaftung bedeutet Stärkung des Gemeineigentums plus Demokratisierung des Wirtschaftslebens. Die Perspektive eines Ökosozialismus oder demokratischen Sozialismus ist eine wichtige Säule im Grundsatzprogramm, um ein grundlegend neues Verhältnis von Gesellschaft und Natur zu begründen.
Stuttgart, 17.3.2026
Bernd Riexinger